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Einfluss des westdeutschen Fernsehfunks auf die Bevölkerung der DDR

3. Juli 1959
Information Nr. 330/59 – Bericht über den verstärkten Einfluss des westdeutschen Fernsehfunks auf die Bevölkerung der DDR

Nach vorliegenden Informationen ist festzustellen, dass sich in der letzten Zeit in den Grenzbezirken Magdeburg, Erfurt und Karl-Marx-Stadt der Einfluss des westdeutschen Fernsehfunks erheblich verstärkt hat. Dabei ist ersichtlich, dass die Sendungen des westdeutschen Fernsehens nicht nur verstärkt empfangen werden, sondern teilweise dazu übergegangen wird, den Empfang von speziellen Hetzsendungen regelrecht zu organisieren, indem Besitzer von Fernsehgeräten größere Personenkreise zu diesen Sendungen einladen, verschiedene Sendungen offen propagiert und nicht selten ausführliche Diskussionen über den Inhalt derselben geführt werden. Als Organisatoren solcher gemeinschaftlichen Empfänge von Hetzsendungen des westdeutschen Fernsehens treten nach bisherigen Feststellungen vor allem Großbauern, private Gastwirte, Handwerker und Mittelbauern auf, die ausschließlich eine negative Einstellung zur sozialistischen Entwicklung in der DDR haben. Zunehmend werden jedoch auch Beispiele bekannt, wonach derartige Sendungen ebenfalls von Mitgliedern und Funktionären der Partei, LPG-Vorstandsmitgliedern und anderen sonst fortschrittlich auftretenden Personen empfangen werden.

Besonders Hetzfilme – z. B. »So weit die Füße tragen«1 (wurde in sechs Fortsetzungen gezeigt) und »Der Arzt von Stalingrad«2 – werden in den genannten Gebieten von größeren Personenkreisen empfangen. Diese Filme über sogenannte »Kriegsgefangenen- oder Rückkehrerschicksale« haben ausschließlich antisowjetischen Inhalt und sind besonders darauf abgestimmt, den deutschen Militarismus und Faschismus zu rechtfertigen. Offensichtlich in Erkenntnis dieses feindlichen Inhalts der Sendungen des westdeutschen Fernsehfunks werden bereits von einzelnen am Empfang beteiligten Personengruppen Versuche unternommen, den organisierten Zusammenkünften privaten oder geselligen Charakter zu geben und sie damit abzudecken.

Zu dem Vorgenannten einige charakteristische Beispiele:

  • In der Gemeinde Bornsen,3 Kreis Salzwedel, [Bezirk] Magdeburg, sahen Ende März bei einem Mittelbauern ca. 40 Personen den Hetzfilm »So weit die Füße tragen«. Eine Kinoveranstaltung, die am gleichen Tage stattfand, wurde nur von 20 Personen besucht.

  • In der Gemeinde Nägelstedt, [Bezirk] Erfurt, sollte eine Bauernversammlung über den Perspektivplan der Gemeinde stattfinden. Es waren nur zwei Bauern anwesend, sodass die Versammlung ausfallen musste. Einer der Bauern äußerte, dass dieser Tag ungünstig gewählt wäre, da vom Westsender der Film »So weit die Füße tragen« gebracht wird.

  • Bei bestimmten westlichen Fernsehsendungen werden in der Privatgaststätte »Hopfengert« in Seehausen, Kreis Wanzleben, [Bezirk] Magdeburg, schon vorher die Stühle in einer bestimmten Sitzordnung vor dem Apparat aufgestellt.

  • Im Motorenwerk Schönebeck, [Bezirk] Magdeburg,4 haben bei der Sendung des Hetzfilms »So weit die Füße tragen« jeden zweiten Dienstag ein erheblicher Teil der Arbeiter der Spätschicht vorzeitig den Betrieb verlassen, um sich den Film anzusehen. Gegenüber dem Pförtner haben sie für das vorzeitige Verlassen des Betriebes offiziell familiäre Gründe angegeben.

  • Als besonderer Schwerpunkt hinsichtlich des Empfanges westdeutscher Fernsehsendungen tritt auch die Belegschaft des Kali-Werkes »Thomas Müntzer«5 im Kreis Worbis, [Bezirk] Erfurt, auf. Nach bisherigen Feststellungen werden dort ebenfalls von einem erheblichen Teil der Belegschaftsangehörigen – einschließlich Funktionären – die westdeutschen Fernsehsendungen empfangen.

  • Bei dem stellv. Gebietssekretär des FDGB, [Vorname Name 1], aus Gethlingen, Kreis Osterburg, [Bezirk] Magdeburg, nahmen ca. 15 bis 20 Personen an den Hetzsendungen zur Republikflucht des Dombrowski6 teil.

  • Der LPG-Vorsitzende (SED) in Wechmar, Kreis Gotha, [Bezirk] Erfurt, empfängt ebenfalls die westdeutschen Fernsehsendungen und lässt auch andere Genossenschaftsbauern daran teilnehmen. Nach den Empfängen propagiert er den Inhalt der Sendungen innerhalb der Genossenschaft. Auch eine Rücksprache durch die Partei führte zu keiner Veränderung.

  • In der Gemeinde Dreitsch, Kreis Seehausen, [Bezirk] Magdeburg,7 organisiert der Großbauer [Name 2] westdeutsche Fernsehsendungen. Der Zuhörerkreis setzt sich aus Einzelbauern, Landarbeitern und auch einigen Mitgliedern der Partei zusammen.

  • Vom Verkaufsstellenleiter des HO-Spezialgeschäftes8 in Plauen, Marienstraße, wurde bekannt, dass sich in letzter Zeit eine Reihe von Funktionären erkundigt haben, wie der Kanal 4 (Westsender) eingestellt werden kann.

Weitere Beispiele liegen vor. Dabei wird z. B. im Bezirk Karl-Marx-Stadt eingeschätzt, dass bis zu 50 % – in einzelnen Orten noch darüber – der Fernsehantennen direkt auf den Empfang des westdeutschen Fernsehfunks eingestellt sind. So sind z. B. in Crottendorf, Kreis Annaberg von 300 sichtbaren Fernsehantennen 198 auf das West-Fernsehen eingestellt. In Eibenstock und Schönheide, Kreis Aue sind 174 von 342 Antennen derartig eingerichtet. Diese Zahlen dürften sich nach bisherigen Überprüfungen noch erhöhen, da ein Teil der besonders auf West-Fernsehen eingestellten Antennen äußerlich nicht sichtbar ist.

Mit Ausnahme der unmittelbaren Grenzkreise, wo der westdeutsche Fernsehfunk überwiegend mit normalen Antennen empfangen werden kann, wird in den anderen Gebieten diese Lage noch dadurch unterstützt, dass von Rundfunk- und Fernseh-Geschäften und -Mechanikern teilweise spezielle Antennen zum Empfang der Westsendungen verkauft und angefertigt werden. Im Kreis Annaberg werden von fast allen Rundfunk- und Fernsehmechanikern derartige Antennen gefertigt und zum Preise von 65,00 DM verkauft. Im Kreis Zwickau wurden bis vor kurzer Zeit von HO und Konsum9 selbst derartige Antennen angefertigt und verkauft.

  1. Zum nächsten Dokument Schwächen und Mängel in der Glasindustrie der DDR
    4. Juli 1959
    Information Nr. 467/59 – [Bericht] über Mängel, Schwächen und Feindtätigkeit auf dem Gebiete der Glasindustrie in der DDR
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    2. Juli 1959
    Information Nr. 457/59 – Bericht über einige Schwächen und Mängel in der Rekonstruktion der Metallurgie