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Probleme bei der Entwässerung der Braunkohlen-Tagebaue

13. November 1959
Information Nr. 814/59 – [Bericht über] einige Probleme bei der Entwässerung der Braunkohlen-Tagebaue und den Einsatz von Tagebau-Großgeräten

Nach uns vorliegenden Informationen werden in allen Braunkohlen-Tagebauen auf der Grundlage des Politbüro-Beschlusses vom 24.3.1959 erhöhte Anstrengungen unternommen, um durch verstärkte Entwässerungsarbeiten die Sicherheit im Grubenbetrieb zu verbessern, besonders hinsichtlich der dort eingesetzten Großgeräte.1 Aus einer Reihe von Hinweisen – die jedoch keinen vollständigen Überblick gewährleisten – ist ersichtlich, dass aber gegenwärtig noch immer größere Gefahrenstellen bestehen; so z. B. in Böhlen,2 wo die Förderbrücke und zwei Bagger durch Rutschungen gefährdet sind und in Kleinleipisch,3 Scado4 und Mücheln,5 wo in der letzten Zeit Rutschungen bzw. Anzeichen dafür festgestellt wurden.

Aus Überprüfungsergebnissen geht hervor, dass die Ursachen für die noch ungenügende Entwässerung der Braunkohlen-Tagebaue auf die mangelnde Mechanisierung dieser Arbeit zurückzuführen sind. Diese Einschätzung, dass die Maßnahmen zur Entwässerung durch die ungenügende Mechanisierung nicht voll wirksam werden, trifft nach unseren Feststellungen für den überwiegenden Teil der Braunkohlenwerke zu. In diesem Zusammenhang wird vor allem auf die langwierige und nicht zielstrebige Entwicklung von Streckenvortriebsmaschinen für die Entwässerung hingewiesen.6 So seien bis zum Jahre 1958 – unabhängig voneinander – drei verschiedene Typen dieser Maschinen (»Schnurps«,7 Gölzau8 und Espenhain9) entwickelt worden, die sich jedoch im Einsatz nicht bewährt haben. Daraufhin wären 1958 verschiedene Teile dieser Typen, das Fahrwerk von »Schnurps«, die Schrämmschnecke10 von Gölzau und der Fräskopf von Espenhain, zu einer Kombination vereint und drei derartige im VEB Bergbaumaschinen Seehausen11 erbaute Maschinen in den Tagebaubetrieben Espenhain, Spreetal und Scado eingesetzt worden.

In Espenhain soll sich diese Maschine bei fester Kohle bis auf geringe technische Mängel gut bewährt haben. Gegenwärtig ist sie vor »mulmiger« Kohle12 eingesetzt, wobei die Vortriebsleistung gegenüber fester Kohle mit 5 % sehr gering ist. Die Maschine leistet unter diesen Verhältnissen zu 95 % Verladearbeiten. Aus den Tagebaubetrieben Spreetal und Scado wurde bekannt, dass sich diese Vortriebsmaschinen ebenfalls bewährten. Nachdem hier im Erfahrungsaustausch die anfänglichen Störungen in der Elektroanlage und im elektrischen Sicherheitssystem beseitigt und die mechanische Verladung mittels Transportband in die Hunte verbessert wurden, werden im Tagebau Scado jetzt sieben bis acht Hunte beladen (vorher vier Hunte).13 Die Maschine wird im Tagebau Scado dreischichtig ausgelastet und erreicht eine durchschnittliche Leistung von 4,28 m pro Tag.

Nach Ansicht von Mitarbeitern der Braunkohlenwerke wäre eine sofortige zentrale Auswertung der bisher vorliegenden Erfahrungen im Einsatz von Streckenvortriebsmaschinen notwendig, um durch Sofortmaßnahmen die Aufnahme der Produktion derartiger Maschinen zu gewährleiten. In diesem Zusammenhang wäre auch sofort die Ersatzteilfrage zu klären, da durch das Fehlen von Ersatzteilen längere Stillstandszeiten hervorgerufen werden oder sich die Anfertigung derartiger Teile in eigenen Werkstätten notwendig macht.

Wie weiter bekannt wurde, wird in den BKW der VVB Cottbus, in denen Förderbrücken eingesetzt sind, bereits im I. Quartal 1960 mit dem Einsatz von Streckenvortriebsmaschinen gerechnet.14 Nach vorliegenden Hinweisen sollen jedoch erst ab 1.6.1960 Maschinen zur Auslieferung gelangen. Dies würde dazu führen, dass bei den Leistungen der modernen Großgeräte im Abraum und Abbau erhebliche Rückstände in der Entwässerung eintreten würden bzw. andererseits kein ausreichender Vorsprung geschaffen werden könnte. Ein charakteristisches Beispiel für diese Lage ist das Kombinat Lauchhammer. In den drei Tagebauen des Kombinates, die mit modernen Großgeräten ausgerüstet sind, wird die Entwässerung nach noch urväterlichen Methoden in vorwiegend manueller Arbeit durchgeführt, was zu erheblichen Rückständen in der Entwässerung führt.

Nach den vorliegenden Berichten ist im gesamten Bereich der VVB Cottbus gegenwärtig keine Gewähr für die Erreichung der notwendigen Ziele in der Entwässerung gegeben, besonders hinsichtlich des erforderlichen Vorlaufes von 1 bis 1½ Jahren. Schwerpunkte sind die Werke Spreetal,15 »John Schehr«,16 »Franz Mehring«17 sowie die Neuaufschlüsse Meuro,18 Schlabendorf19 und Seese.20 Zurzeit soll der Vorlauf in den Werken Spreetal, »John Schehr«, »Franz Mehring« und Großzossen nur drei bis vier Monate betragen. Ähnliches wird auch aus den mitteldeutschen Revieren berichtet. In den BKW Ammendorf, Zipsendorf und Phönix z. B. soll der Vorlauf der Entwässerung nur drei bis sechs Monate betragen, wobei in Ammendorf geplant ist, 1960 den vollen Vorlauf zu erreichen.

Welche Auswirkungen durch eine ungenügende Vorfeldentwässerung dem Förderbetrieb entstehen können, zeigen die folgenden angeführten Beispiele: Dem Tagebau Spreetal wurde am 15.7.1959 die erste Abraumförderbrücke21 übergeben. Von der für August/September 1959 vorgesehenen Förderleistung von 2 100 000 m3 konnten jedoch nur 430 000 m3 erfüllt werden, weil die Brücke wegen Rutschungsgefahr vom 19.9. bis 2.10.1959 stillgelegt werden musste. Die Ursache liegt in dem nicht den Erfordernissen entsprechenden Streckenvortrieb und der dadurch hervorgerufenen Gefährdung der Brücke. Auch gegenwärtig soll noch keine Klarheit darüber bestehen, bis zu welchem Zeitpunkt der geforderte Streckenvorlauf erreicht werden soll. Gleichzeitig wird in den vorliegenden Berichten darauf hingewiesen, dass die Wasserhaltung des Tagebaues nicht den Anforderungen entspricht, um das anfallende Wasser aus dem Deckgebirge des Vorfeldes ordentlich abzuleiten.

Im Zusammenhang damit wird wiederholt darauf hingewiesen, dass zur Bewältigung der Wassermassen in den Tagebauen die vorhandene Kapazität der Pumpen nicht ausreicht. Die Pumpen sind derartig ausgelastet, dass bei Eintritt von Regenperioden keine Gewähr mehr vorhanden wäre, um die Wassermassen abzuführen. Außerdem sollen kaum Ersatzpumpen vorhanden sein. Im Tagebau Spreetal ist z. B. der Gürtel von Fallfiltern22 vom Schacht 11 nach Schacht 13 fertiggestellt, bisher konnten jedoch noch keine Uta-Pumpen23 eingebaut werden. Dieser Mangel an Uta-Pumpen trat nach den vorliegenden Berichten in allen Tagebaubetrieben der DDR auf und ist gleichfalls als Ursache für die teilweise ungenügende Entwässerung mit anzusehen. So wird z. B. schon damit gerechnet, dass gleiche Schwierigkeiten wie in Spreetal auch nach Abzug der Fremdbetriebe im Neuaufschluss Burghammer24 eintreten werden.

Als Ursache für den Mangel an Uta-Pumpen wird angegeben, dass das im Volkswirtschaftsplan festgelegte Kontingent nicht die Perspektive der Braunkohlengewinnung berücksichtigen würde und zu niedrig eingeplant wäre. Ähnlich soll es sich auch mit dem Kontingent an mechanischen Bohrgeräten verhalten. Für den Neuaufschluss Burghammer z. B. würde es bedeuten, dass nach Abzug der Fremdbetriebe, die dann gleichfalls ihre Bohrgeräte zurückziehen, dem Betrieb nur noch 50 % der jetzigen Kapazität an Bohrgeräten zur Verfügung stehen würden und eine planmäßige Entwässerung des Tagebaues nicht mehr gewährleistet wäre. Der Betrieb soll deshalb ein Saugspülgerät aus Westdeutschland angefordert haben, was aber angeblich nicht genehmigt wurde, da derartige Geräte auch vom VEB Montan Leipzig25 hergestellt würden. Dieser Betrieb sei jedoch erst 1961/62 in der Lage derartige Geräte zu liefern, während dagegen bereits 1962 in Burghammer mit der Kohleförderung begonnen werden soll.

Vorliegende Hinweise besagen ferner, dass Schwierigkeiten in der Durchführung der Kleinmechanisierung und beim Einsatz von Bohr- und Entwässerungsgeräten noch wesentlich erschwert werden durch eine mangelhafte Zusammenarbeit zwischen dem Institut für Fördertechnik26 und dem Maschinenbau und die völlig ungenügende Arbeit der Leitstelle für Kleinmechanisierung beim VEB Kohlenanlagenbau.27

Diese technischen Mängel und Unzulänglichkeiten sind jedoch – obwohl in der Mehrzahl – nicht alleinige Ursache dafür, dass die Entwässerungs- und Aufschlussarbeiten erschwert werden. In einigen Fällen werden die Schwierigkeiten auf falsche Projektierung zurückgeführt. So soll z. B. der Tagebauneuaufschluss Goitzsche des BKW »Einheit«28 im Bezirk Halle von Anfang an falsch projektiert und auch mit einer falschen Technologie aufgeschlossen worden sein. Vom PKB Leipzig29 wurde die Aufschlussbirne30 für diesen Tagebau auf aufgeschütteten Massen sowie einer Spülkippe31 angelegt. Der Vorschlag des BKW »Einheit«, die Aufschlussbirne 150 m weiter westlich zu verlegen, soll dabei keine Beachtung gefunden haben. Dadurch würden gegenwärtig die eingesetzten Geräte auf aufgeschütteten Massen und an der Grenze der Spülkippe stehen, was nur ein langsames Vorankommen dieser Geräte ermögliche. Darin wird auch die Ursache für die hohen Abraum-Planschulden des Tagebaus Goitzsche (ca. 1,8 Mill m3) gesehen, was sich nach Ansicht von Experten auch in der nächsten Zeit nicht sofort beheben lassen wird.

Das Baufeld II in Goitzsche soll ebenfalls falsch projektiert sein, indem die Einschnittrampe nur mit 15 m Breite geplant und angelegt wurde. Dadurch besteht keine Möglichkeit, die entsprechenden Gleise zur Förderung des Abraums zu legen, sodass das Gerät 140132 den Boden in die Grube absetzen und später eine Nachförderung erfolgen muss.

Aus dem Neuaufschluss Meuro, [Bezirk] Cottbus, wurde bekannt, dass die Termine zur Entwässerung, Absümpfung, Abteufung usw. ebenfalls nicht eingehalten werden. Schwerpunkt dabei soll gleichfalls die Entwässerung sein, zu deren Verwirklichung verschiedene Projekte geplant und in Angriff genommen wurden. So z. B. der Bau einer Neutralisierungsanlage, der jedoch an Materialschwierigkeiten und Arbeitskräftemangel des VEB Kohleanlagen Leipzig gescheitert sei. Ungeklärt wäre auch der danach begonnene Bau von Holzrohrleitungen vom Hörlitzer Teich zur Elster.33 Gegen diesen Bau hat angeblich das Synthesewerk Schwarzheide34 Protest erhoben, weil dadurch der Elster, aus der Schwarzheide das Wasser bezieht, aggressives Wasser zugeführt worden wäre. Gegenwärtig soll geplant sein, die Abwässer in die Wolschinka abzuleiten.35 Eine endgültige Klarheit über dieses Projekt soll aber noch nicht bestehen. Als Hauptursache für diese Situation wird die fehlende Koordinierung bei der Projektierung angesehen.

In den vorliegenden Informationen wird häufig darauf hingewiesen, dass die Projektierung der Entwässerungsarbeiten, die gegenwärtig noch nach dem sogenannten Schachbrettverfahren erfolgt, nicht mehr den heutigen Anforderungen entsprechen würde. Vielfach werde ohne gründliche geologische und hydrologische Erkundung projektiert, wodurch für die Tagebaue erschwerte Entwässerungs- und Abbaubedingungen entstehen. Im Tagebau Spreetal soll z. B. bereits 1957 bei der Abschlussbesprechung zum Grundprojekt auf die Gefährdung des Tagebaues durch die ungenügende Entwässerung hingewiesen worden sein, da im Projekt keine zusätzlichen Entwässerungsmaßnahmen für den Tagebau vorgesehen waren. Besonders erschwerend soll sich das am Einsatzort der Abraumförderbrücke ausgewirkt haben. Ähnliche Feststellungen seien auch bei anderen Projekten getroffen worden.

Zum Einsatz von Tagebau-Großgeräten wurden außer den im Bericht aufgezeigten Gefahren durch schlechte Entwässerung noch eine Reihe weiterer Hinweise über auftretende Schwächen und Mängel bekannt. Vorliegende Einschätzungen und Hinweise von Fachexperten der Braunkohlenindustrie lassen erkennen, dass von ihnen das Förderbrückensystem in den Tagebauen der DDR gegenüber den zum Einsatz gelangenden Bandsystemen in der Sowjetunion, Westdeutschland und Belgien als veraltet betrachtet wird. Neben der leichteren Bauweise dieser Bandanlagen sollen die Vorteile auch in größeren Vortriebsleistungen und Beweglichkeit sowie in kürzeren Aufbaufristen u. a. technischen Verbesserungen liegen. Als unverständlich wird dabei hervorgehoben, dass die Konstruktion und der Bau derartiger Anlagen in der DDR nicht möglich sein soll und von den zuständigen Maschinenbaubetrieben größere Schwierigkeiten beim Abschluss entsprechender Verträge gemacht werden.

Neben diesen Hinweisen wurden auch Beispiele bekannt, wonach Geräte angekauft und eingesetzt wurden, ohne dabei die Technologie der Tagebaue zu berücksichtigen. Aus den Tagebauen Böhlen und Espenhain z. B. wird über eine kritische Lage bei Abraumwagen berichtet. Um Abhilfe zu schaffen wurden für Böhlen 25 und für Espenhain 50 Abraumwagen in Polen gekauft. Nach der Auslieferung wurde festgestellt, dass die Wagen zu hoch sind und nicht unter die E-Leitungen und Portale passen. Daraufhin wurden die Wagen von Böhlen nach Borna umgesetzt, wodurch jedoch die Lage in den genannten Tagebauen unverändert ist.

Im BKW »Einheit« Halle soll ein neuer Schaufelradbagger mit einer Tageskapazität von 20 000 cbm eingesetzt worden sein. Hinweise besagen, dass dabei die dortige Technologie, besonders der Gleisquerschnitt, vollkommen unbeachtet blieb. Ähnlich soll es sich bei dem Einsatz eines solchen Gerätes im Tagebau Großkayna verhalten. Aus dem Tagebau Spreetal wurde noch bekannt, dass sich durch den gegenwärtigen Stand der Entwässerungsarbeiten eine solche Lage ergibt, wonach der Einsatz der zweiten auf gleicher Strosse36 fahrenden Abraumförderbrücke mit je zwei Baggern vom Typ DS 1120 hinfällig wird, da nicht einmal die erste Brücke voll ausgelastet ist.

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    22. November 1959
    Operative-Information Nr. 831a/59
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