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Schwächen im Arbeitsstil der Institutionen des Bauwesens

4. Mai 1959
Information Nr. 249/59 – Bericht über einige Erscheinungen von Schematismus, Missachtung von Partei- und Regierungsbeschlüssen, falscher Kaderpolitik und anderen Schwächen im Arbeitsstil der Institutionen und Dienststellen des Bauwesens in der DDR und deren schädliche Auswirkungen

Aus einer Reihe von Informationen ist ersichtlich, dass auf einigen wichtigen Gebieten des Bauwesens in der DDR verschiedene Schwächen und Missstände aufgetreten sind, die sich hemmend auf die Aufgaben und die Tätigkeit des Bauwesens auswirken und deshalb einer schnellen Überprüfung und Veränderung bedürfen.

I. Über die Tätigkeit des Ministeriums für Bauwesen

Als ein wesentliches Hemmnis in der Tätigkeit des Ministeriums für Bauwesen müssen nach vorliegenden Informationen noch bestehende Unklarheiten und Meinungsverschiedenheiten über Strukturfragen angesehen werden. Bekanntlich wurden bereits in den letzten drei bis vier Jahren laufend Strukturveränderungen innerhalb des Ministeriums für Bauwesen vorgenommen, was offensichtlich mit dazu geführt hat, dass die operative Arbeit vernachlässigt wurde, da man diese Veränderungen an sich zum Problem machte.1

In den Jahren 1955 bis 1957 bestand das oberste Leitungskollektiv des Ministeriums aus einem Minister, zwei Staatssekretären und zwei stellvertretenden Ministern. Der Stellenplan des Ministeriums umfasste zu dieser Zeit ca. 500 Planstellen.2 In der Vorbereitung und Durchführung des Gesetzes vom 11.2.19583 wurden für das Ministerium für Bauwesen 290 Planstellen und ein bzw. zwei stellvertretende Minister festgelegt, jedoch nie verwirklicht.4

Dieser schleppende Zustand wirkte sich nachteilig auf die gesamte Arbeit des Ministeriums aus. Es gab Unzufriedenheiten, Arbeitsunlust und Disziplinlosigkeit unter den Mitarbeitern. Ein großer Teil der Arbeitszeit wurde für Diskussionen über den weiteren Einsatz der Mitarbeiter verwandt. Dieser Zustand war bis zum Einsatz des Genossen Scholz5 als Minister zu verzeichnen, von dem sich die Mitarbeiter und die leitenden Funktionäre eine generelle Veränderung dieses unverantwortlichen Zustandes erhofften.

Aber Minister Scholz gab unmittelbar nach seinem Antritt in individuellen Besprechungen mit den Hauptsachabteilungsleitern und deren Stellvertretern zu verstehen, dass entgegen den bereits genannten Veränderungen entsprechend dem Gesetz vom 11.2.1958 abermals eine neue Struktur des Ministeriums für Bauwesen festgelegt werden und das Ministerium unbedingt wieder stark gemacht werden müsse, mehr Mitarbeiter benötigt würden und einige Zweige des Bauwesens zu zentralisieren seien. Da aber die in ähnlicher Form bereits vorhanden gewesene Struktur, wie sie vom Gen. Scholz vorgeschlagen wurde, sich nicht bewährt hatte, wurde er von einigen Mitarbeitern auf diese Lage hingewiesen.

Obwohl er damit gegen die bereits vorhandenen Erfahrungen einer Reihe verantwortlicher Mitarbeiter sprach, wurde die vom Minister Scholz vorgeschlagene Struktur im Ministerium für Bauwesen durchgesetzt. Er gab dabei mit Nachdruck zu verstehen, dass seine Meinung in dieser Frage vollkommen richtig sei, wobei er sich auch darauf berief, dass er für diese Veränderungen die Zustimmung der Genossen Walter Ulbricht6 und Heinrich Rau7 hätte. Dieses Vorgehen hat dazu geführt, dass ein großer Teil leitender Mitarbeiter des Ministeriums für Bauwesen über die Leitungstätigkeit des Ministers stark beunruhigt ist und dabei die durchgesetzte Struktur als falsch bezeichnet und ablehnt. Staatssekretär Kosel8 erklärte z. B., dass das Leitungskollektiv von der Vorberatung und Entscheidung wichtiger Beschlüsse ausgeschaltet wird, was sich besonders bei den strukturellen Veränderungen zeigte.

Der Minister setzte neben der Verstärkung des Ministeriums auch ein erhöhtes Weisungsrecht gegenüber den Bezirken durch und ordnete die Rückführung einiger bezirksgeleiteter Betriebe unter die direkte Leitung des Ministeriums an, wodurch die Beschlüsse des 33. Plenums zum Teil ignoriert und die Übertragung größerer Rechte und Verantwortung an die Räte der Bezirke weitgehendst rückgängig gemacht wurde.9

In diesem Zusammenhang gibt es auch Diskussionen darüber, dass in den Thesen des Politbüros über die Aufgaben des Bauwesens im Siebenjahrplan erklärt wird, große Industriebauten ab 1961 durch die dem Ministerium für Bauwesen unterstellten Baubetriebe durchzuführen.10 Dabei wird die Vermutung ausgesprochen, dass ein Teil von Baukapazitäten, die zzt. bezirklich geleitet werden, wieder zentral übernommen und den örtlichen Organen danach nur noch Baubetriebe mit kleineren Planauflagen unterstehen würden.

Wie aus weiteren Informationen ersichtlich ist, wird auch der Einfluss der Parteileitung des Ministeriums für Bauwesen auf die fachlichen Probleme als völlig unzureichend eingeschätzt. Dabei wird die Ansicht vertreten, dass sich die Parteileitung in Abhängigkeit vom Minister Scholz befindet, von dem fast ausschließlich (in seiner Funktion als Leitungsmitglied und Minister) die Themen der Parteileitungssitzungen bestimmt werden und dessen Diskussionsbeiträge auch mehr oder weniger als Schlusswort gelten. Auf dieser Basis – also ohne eingehende Beratung – würden dann auch die Beschlüsse der Parteileitung entstehen. Bemängelt wird dabei besonders, dass wichtige fachliche Schwerpunktaufgaben und -probleme in der Parteileitung nicht behandelt werden, weil Gen. Scholz die Meinung vertritt, dass diese Probleme, obwohl sie für die Arbeit des gesamten Ministeriums von außerordentlicher Bedeutung sind, nicht in die Parteileitung gehören, sondern administrativ von der Leitung des Ministeriums zu lösen sind. Als nicht richtig wird dabei auch angesehen, dass Gen. Kosel als ZK-Mitglied in den meisten Fällen nicht zu den Parteileitungssitzungen hinzugezogen wird.

Als Auswirkung einer solchen Arbeitsweise und des ungenügenden Einflusses der Parteiorganisation und -leitung gibt es im Ministerium für Bauwesen eine Reihe von Unklarheiten, die auf das gesamte Bauwesen hinderlich wirken und die Arbeitsweise negativ beeinflussen:

1) Wie durch Informationen ersichtlich wurde, bestehen noch größere Unklarheiten und Meinungsverschiedenheiten über den Beschluss der Chemie-Konferenz in Leuna, Bau- und Montagekombinate (für Chemie in Halle, für Kohle in Cottbus) zu bilden, die sich bereits bis 1.1.1959 konstituieren sollten.11

Vom Bezirksbaudirektor in Halle wird z. B. zum Ausdruck gebracht, dass er mit einer solchen Verfahrensweise des Ministeriums für Bauwesen nicht einverstanden ist, vor solch wichtigen, den Bezirk Halle betreffenden Entscheidungen nicht mit ihm zu sprechen. Er vertritt die Ansicht, dass bei der erfolgten Regelung zur Erfüllung des Chemie-Programms erhebliche Kapazitäten vom Wohnungsbau abgezogen werden, was dazu führt, dass im Bezirk Halle die Erfüllung des Wohnungsbauprogramms infrage gestellt ist.

Im Bezirk Cottbus wurden ähnliche Einwände gemacht und an dem überbetonten Zentralismus scharfe Kritik geübt, weil hier ebenfalls bezirklich geleitete Kapazitäten in zentralgeleitete übergehen. Die Genossen der Bezirksleitung der SED in Cottbus sind z. B. der Meinung, wenn schon ein Bau- und Montagekombinat für die Bereiche Kohle und Energie gebildet wird, dann sollte es doch örtlich begrenzt gehalten werden, da andernfalls wiederum ein riesiger Verwaltungsapparat entsteht.

2) Ähnliche Unklarheiten zeigen sich auch beim Bau des Erdölkombinats Schwedt.12

Am 12.3.1959 waren zwei Genossen von der VEB Baustoffversorgung Frankfurt/Oder13 beim Ministerium für Bauwesen, um die Versorgung der Großbaustelle Schwedt mit Baumaterial zu klären. Durch einen stellvertretenden Abteilungsleiter wurde ihnen mitgeteilt, dass das Ministerium für Bauwesen keine Kontingente für Schwedt eingeplant hat, weil dafür der Bezirk verantwortlich ist, was aber nach den bisherigen Feststellungen nicht den Tatsachen entspricht. Der Bezirk Frankfurt/O. ist nur für die Bereitstellung von Material für 300 Wohnungseinheiten in Schwedt verantwortlich. Dieses Material ist auch vorhanden und der Bau wurde bereits begonnen. Der stellvertretende Abteilungsleiter Gen. [Name 1], (Parteileitungsmitglied) erklärte wörtlich: »Wir können Euch nicht helfen, schaltet doch die Staatliche Kontrolle14 oder die Staatssicherheit ein«.

Um darüber Klarheit zu erlangen, suchten die Frankfurter Genossen den Stellvertreter des 2. Stellvertreters des Ministers, Genossen Clement,15 auf, der in überheblicher und interessenloser Form zum Ausdruck brachte, dass er vom Erdölkombinat Schwedt auch schon einmal etwas gehört habe. Nach den Kontingenten befragt, erklärte er, dass bei ihm und bei der Staatlichen Plankommission16 nichts eingeplant sei. Als die Genossen von Frankfurt/O. seine schluderhafte Arbeit kritisierten, wurde er ausfällig. Sie sollten »nicht ulkig werden, denn der ganze Bau in Schwedt gehe Frankfurt gar nichts an. Das Ministerium wisse selbst, was zu tun sei.« Er brachte auch klar zum Ausdruck, dass das Objekt in keinem staatlichen Plan enthalten sei und er nicht wisse, woher das Material dafür genommen werden soll. Ohne klare Auskunft erhalten zu haben, mussten die Genossen nach Frankfurt/O. zurückfahren.

3) Umfangreiche ablehnende Diskussionen gibt es über die vom Gen. Scholz angeordnete Veränderung der Planung des Ministeriums für Bauwesen.

Während es nach dem 11.2.1958 im Ministerium für Bauwesen eine Abteilung Planung gab, die als koordinierende Abteilung zwischen den örtlichen Organen des Staatsapparates und der Staatlichen Plankommission wirkte, gibt es nach der jetzigen Struktur im Ministerium für Bauwesen in den drei Bereichen je eine Abteilung Planung und außerdem eine zentrale Abteilung Planung. Das bedeutet, dass die Räte der Bezirke sowie die VVB ihre Pläne mit vier verschiedenen Abteilungen abstimmen müssen, um die richtigen Planzahlen zu erhalten. Die Mitarbeiter in den Planungsabteilungen diskutierten bereits dahingehend, dass die Verantwortlichen für diese Umorganisierung zur Rechenschaft gezogen werden sollten, da im Ergebnis dieser Veränderungen die Planung erschwert wurde.

4) Aus einer Reihe von Informationen ist auch ersichtlich, dass erhebliche und ernste Bedenken gegen die vom Genossen Scholz im Ministerium für Bauwesen betriebene Kaderpolitik bestehen. So wurde ohne Zustimmung der dafür verantwortlichen Chemie-Kader-Kommission der Hauptdirektor für das Bau- und Montagekombinat Chemie, Präßler,17 durch den Gen. Scholz persönlich eingesetzt, obwohl wichtige Hinweise über dessen bisherige Tätigkeit (z. B. die Gründe seines Ausscheidens aus diesem Ministerium für Nationale Verteidigung) dagegensprachen.

Der ehemalige HV-Leiter für Zement aus dem Ministerium für Bauwesen, Lampe,18 wurde im Zuge der Reorganisation wegen Unzuverlässigkeit an die Basis versetzt und vom Minister Scholz jetzt entgegen des Beschlusses der ZKK19 in das Ministerium für Bauwesen zurückgeholt und in die wichtige Funktion des Planungsleiters für Baustoffe eingesetzt. Weitere Beispiele dieser Art, die bereits bis zu gewissen Konzentrationen negativer Elemente reichen, liegen vor.

5) Die Brigadeeinsätze als wichtige operative Aufgabe des Ministeriums für Bauwesen in den Bezirken wurden nach der bisherigen Einschätzung äußerst mangelhaft vorbereitet und brachten nicht das vorgesehene Ergebnis.

Im Institut für Typung der Deutschen Bauakademie20 wurden die Einsätze z. B. wie folgt durchgeführt: Vonseiten des Ministeriums für Bauwesen wurden die Mitarbeiter schematisch (listenmäßig) in die Bezirke geschickt, ohne dabei die beruflichen Kenntnisse zu beachten und ohne mit den Leitkräften [sic!] des Instituts über den genauen Einsatz zu beraten, sodass der größte Teil der Mitarbeiter berufsfremd eingesetzt wurde. Auf der anderen Seite gab es dadurch viele Abteilungen im Ministerium und auch im Institut, die ihre eigentlichen Aufgaben überhaupt nicht durchführten.

II. Zur Arbeitsweise der Leitung der Deutschen Bauakademie

Ähnliche Mängel wie im Ministerium für Bauwesen sind auch in der Arbeit der Leitung der Akademie zu verzeichnen, die es nach Einschätzung verantwortlicher Mitarbeiter des Bauwesens im Wesentlichen bis heute noch nicht verstand, die Hauptaufgabe der DBA zu lösen.

Jahrelang versuchte man auch hier durch Reorganisationen und Strukturveränderungen den Ausweg zu finden. Die in einer Entschließung festgelegten Aufgaben sowie Vorschläge zur Veränderung des Arbeitsstils sind in den prinzipiellen Fragen bisher ungelöst geblieben und werden nicht zum Gegenstand einer kritischen Auseinandersetzung des Präsidiums gemacht. Wie bekannt wurde, soll auch eine neu zu erarbeitende Vorlage für das Politbüro wieder wie in der bisherigen Arbeit der Leitung auf Strukturveränderungen und Stellenplanfragen ausweichen. An dem schlechten Arbeitsstil des Präsidiums wurde zwar schon sehr viel Kritik geübt, jedoch noch keine wesentlichen Veränderungen erreicht. Es finden zwar regelmäßig Tagungen statt, ohne dabei aber die falschen Auffassungen zu beseitigen, bei der Abfassung von Beschlüssen von der jeweiligen politischen Situation auszugehen und richtungsweisende Anleitungen für die Institutsleitungen zu geben.

Im Institut für Technik und Ökonomie, dem bedeutungsvollsten Institut der DBA, das die wichtigsten technischen Voraussetzungen zur Lösung der Hauptaufgabe des Bauwesens schaffen soll, wird z. B. nur ein geringer Teil der Arbeitszeit für die notwendigen Forschungsaufträge verwandt. Dieser Zustand wird von einigen leitenden Mitarbeitern auch als sehr ernst erkannt und sie beabsichtigen – über den Präsidenten hinweg – den Genossen Walter Ulbricht über diesen untragbaren Zustand zu informieren.

Auch von anderen Beschäftigten häufen sich in letzter Zeit die Meinungen und Hinweise über die Unfähigkeit des Präsidenten und anderer Leitungsmitglieder und dass man die Leitungsmethoden grundsätzlich verändern muss. Der Präsident, Prof. Liebknecht,21 und der Vizepräsident, Prof. Collein,22 entschuldigen sich damit, dass ihnen zu viele Funktionen übertragen wurden. Offensichtlich sind aber die Ursachen auch mit darauf zurückzuführen, dass Prof. Liebknecht Auseinandersetzungen über bestehende unklare Fragen und Differenzen ausweicht, diesen nicht auf den Grund geht und sie klärt, sondern die persönliche Seite dieser Differenzen in den Vordergrund stellt. Obwohl er ständig die Entwicklung eines Meinungsstreites fordert, ist jedoch andererseits ersichtlich, dass er keinen selbstständigen Beitrag leistet und auch dem entschiedenen Kampf ausweicht. Er entschuldigt dabei seine eigene Unsicherheit in Fragen der Architektur und des Städtebaus damit, dass es auch bei den sowjetischen Architekten und Städtebauern noch keine ganz klaren Auffassungen gäbe, wobei offensichtlich mit von Bedeutung ist, dass seine theoretischen Kenntnisse als unzureichend eingeschätzt werden. So weicht er auch etwas komplizierten ideologischen Fragen aus. Nach Auffassung leitender Mitarbeiter ist auch in der nächsten Zeit keine Veränderung dahingehend zu erwarten, dass Prof. Liebknecht diese Schwäche überwindet und wirklich mit selbstständigen Beiträgen auftritt.

Da aber auch die Kenntnisse der anderen Genossen in der Leitung der Deutschen Bauakademie als unzureichend eingeschätzt werden (Prof. Collein, Prof. Paulick,23 Gen. Latus,24 Prof. Schmidt25) wirkt sich diese Lage dahingehend aus, dass unter den Mitarbeitern der DBA eine allgemeine Unsicherheit besteht.

III. Zur Arbeitsweise der Projektierung

Circa 80 % aller Industriebauten der DDR, wie z. B. das Kraftwerk Schwarze Pumpe,26 Kraftwerk Lübbenau,27 Kraftwerk Berzdorf,28 Atomkraftwerk29 u. a. unterliegen der gleitenden Projektierung,30 wobei der Projektierungsverlauf im Durchschnitt vier bis sechs Wochen beträgt, was z. B. bei Nichteinhaltung der Termine durch die Entwurfsbüros für Industriebau zwangsläufig zur Arbeitseinstellung einzelner Baustellen bzw. ganzer Bauvorhaben führen kann.

Während in den vergangenen Jahren immer mehr Privatarchitekten und Privatingenieure von den Entwurfsbüros als Subauftragnehmer ausgeschaltet wurden, was sich sehr positiv auf die volkseigenen Entwurfsbüros auswirkte, werden gegenwärtig wiederum Subaufträge an Privatarchitekten übergeben. Als Grundlage dafür dient eine vertrauliche Dienstanweisung vom Februar 1959, die vom Minister Scholz herausgegeben wurde. Wie auch leitende Funktionäre des Bauwesens einschätzen, führt diese Maßnahme unweigerlich zu einer Stärkung des kapitalistischen Sektors in der Bauwirtschaft, obwohl bei einer richtigen Auslastung des Arbeitstages in den Entwurfsbetrieben eine Einschaltung von Privatleuten zu vermeiden ist. Die überwiegende Mehrzahl der im Entwurfsbüro für Industriebau tätigen Architekten und Ingenieure ist über die verstärkte Einschaltung von Privat-Architekten und -Ingenieuren stark verärgert, was sich auch in einem erheblichen Absinken der Arbeitsleistung zeigt. Als Ursache wird angeführt, dass ein erheblicher Teil dieser freischaffenden Ingenieure und Architekten aus den volkseigenen Entwurfsbüros hervorgegangen ist und, trotzdem sie nicht immer die entsprechende fachliche Qualifikation besitzen, jetzt oft das drei- bis vierfache mehr verdienen als ein Mitarbeiter der VE-Entwurfsbüro.

Es gibt in den Entwurfsbüros eine Reihe von Diskussionen, in denen zum Ausdruck kommt, dass man in der Vergangenheit bestrebt war, den Freischaffenden möglichst kleine Aufträge zu erteilen oder sie ganz in den volkseigenen Sektor einzureihen. Deshalb sei ihnen unverständlich, dass jetzt von offizieller Seite ganz entgegengesetzt verfahren wird. Sie vermuten, dass dies von einigen Personen vertuscht wird, in der Hoffnung, dass sich diese Situation im Laufe der Zeit von allein normalisiert.

IV. Über Schwierigkeiten in der Zement- und Asbestbetonherstellung

1) Entgegen des Ministerratsbeschlusses, bis zum 31.12.1958 drei neue Zementwerke mit einer Kapazität von einer Million Klinkerleisten zu errichten,31 wurden nur zwei Zementwerke neu errichtet und zwar Rüdersdorf III32 mit einer projektierten Kapazität von 330 Tt und Karsdorf II33 mit einer Kapazität von 700 Tt. Die festgelegte Kapazität wurde damit jedoch eingehalten.

Als Inbetriebnahmetermin wurde für beide Werke durch das Ministerium für Bauwesen der 1.9.1958 festgelegt. Durch die Verzögerung im Bauablauf, insbesondere in Karsdorf, sowie durch Verzögerung in der Auslieferung der Ausrüstungen traten jedoch in beiden Werken erhebliche Rückstände ein, die die Inbetriebnahme zum 1.9.1958 nicht mehr ermöglichten. Erst im Februar 1959 ging das Zementwerk Rüdersdorf in Probebetrieb. Die aufgestellten Anlagen zeigten dabei derartige technische Mängel in der Konstruktion und Montage, dass sie in keinem Falle ihrer Funktion gerecht wurden. So mussten z. B. fast alle Elektromotoren ausgewechselt werden. Die Leistungen und Tourenzahlen stimmten mit den Erfordernissen nicht überein. Die gesamte Elektroinstallation musste vollkommen erneuert werden. Außerdem wurden die Mahlanlagen für die Rohmehlaufbereitung unter falschen Voraussetzungen projektiert, da der Wassergehalt des Kalksteins nicht wie angegeben 5 bis 6 %, sondern bis 19 % beträgt.

Im Werk Karsdorf II trat ein erheblicher Rückstand im Bauablauf ein, sodass den Maschinenbaubetrieben nicht die geforderten Montagetermine gesichert wurden. Dies führt dazu, dass der erste Ofen nicht – wie ursprünglich vorgesehen – am 1.9.1958, sondern erst am 10.6.1959 in Betrieb geht. Der Termin für den 2. Ofen ist der 1.7.1959. Die restlichen beiden Öfen sollen am 1.9.1959 in Betrieb genommen werden. Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass diese Termine nur unter Anspannung aller Kräfte eingehalten werden können.

Durch die Verschiebung der Inbetriebnahmetermine tritt eine erste Gefährdung des Volkswirtschaftsplanes in Zement ein.

Im Zementwerk Karsdorf ist der Rückstand so groß, dass die geplante Zementproduktion auf keinen Fall gebracht werden kann. Es wird mit einer Nichterfüllung von 83 Tt. gerechnet.

2) Laut Ministerratsbeschluss vom 15.3.1956 sollte die Produktion von Asbestbetonerzeugnissen in dem neuen Werk Rothensee34 im Jahre 1957 aufgenommen werden. Alle zur Realisierung dieses Beschlusses notwendigen Maßnahmen wurden von den Verantwortlichen des Ministeriums für Bauwesen jedoch so schleppend durchgeführt, sodass in Magdeburg-Rothensee das im Bau befindliche Werk voraussichtlich erst im Jahre 1960 seine Produktion aufnehmen wird.

Weitere Ursachen der jahrelangen Verzögerung liegen aber auch darin begründet, dass der westdeutsche Eternitkonzern,35 der auf dem Gebiet der Asbestbetonerzeugung führend ist, mit allen Mitteln versucht, die Produktion von Asbestbeton bei uns in der DDR zu verhindern. Im März dieses Jahres erklärte [Name 2] vom Eternit-Kundendienst36 in der DDR wörtlich: »Die DDR wird erst in etwa vier Jahren in der Lage sein, die Produktion in Rothensee aufzunehmen und auch dann werden erneute Schwierigkeiten auftreten, da die DDR nicht über die entsprechenden technischen Kader verfügt. Asbestbeton ist nicht nur eine Mischung von 75 % hochwertigem Portlandzement und 25 % Asbest, sondern es gehören noch einige Kniffe dazu, die der betrieblichen Geheimhaltung unterliegen«.

Hinderlich ist in der Baustoffindustrie auch das Fehlen entsprechender Kader. Zum Beispiel sind in der Zementindustrie die mittleren und höheren Funktionen von Personen besetzt, die zwar jahrzehntelange berufliche Erfahrungen haben, jedoch keine theoretischen Kenntnisse besitzen. Dieser Personenkreis kennt sich untereinander sehr gut und schiebt sich gegenseitig die entsprechenden Funktionen zu. Sehr deutlich wird diese völlig unnormale Lage bei einer Analyse der in der Baustoffindustrie beschäftigten Personen mit Hoch- bzw. Fachschulbildung. Von ca. 70 000 Beschäftigten in der Baustoffindustrie besitzen nur ca. 0,3 % eine abgeschlossene Hoch- bzw. Fachschulausbildung. Nach bisherigen Einschätzungen gewährleisten auch die eingeleiteten Maßnahmen keine grundlegende Änderung dieser Kadersituation.

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    5. Mai 1959
    Information Nr. 250/59 – Materialien über die feindliche Tätigkeit imperialistischer Spionage- und Agentenorganisationen gegen die Deutsche Demokratische Republik und andere sozialistische Länder und über die Rolle Westberlins als NATO-Stützpunkt
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    29. April 1959
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