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»Stadtrundfahrten« zur gegen die DDR gerichteten Hetze und Verleumdung

24. September 1959
Information Nr. 684/59 – Ausnutzung der von Westberliner Einrichtungen organisierten sogenannten »Stadtrundfahrten« zur gegen die DDR gerichteten Hetze und Verleumdung

Dem MfS vorliegende Hinweise bestätigen, dass die zu den verschiedensten Anlässen von Westberliner Stellen organisierten »Stadtrundfahrten« verstärkt zu einer direkten Hetze und Verleumdung gegen die Verhältnisse im demokratischen Sektor Berlins, sowie gegen die Partei und Regierung der DDR und gegen die SU ungehindert missbraucht werden.

Da dies besonders stark beim Durchfahren des demokratischen Sektors erfolgt, können diese »Rundfahrten« als »legale Hetzkundgebungen« auf dem Territorium der DDR charakterisiert werden, bei denen die jeweils eingesetzten und in diesem Sinne ausgebildeten »Stadtführer« die Hauptrolle spielen.

Um die Wirksamkeit der Hetze noch zu erhöhen, bedient man sich folgender Methoden:

In Westberlin werden nur die repräsentativen Straßen, Bauwerke usw. mit entsprechend positiven Erläuterungen gezeigt, während man dies im demokratischen Sektor vermeidet, bzw. einzelne nicht zu umgehende Stellen wie Stalinallee1 entsprechend negativ kommentiert. Um den »Unterschied zwischen West und Ost« zu zeigen, werden auch bereits während der Fahrt in Westberlin die Teilnehmer durch hetzerische Hinweise, Vergleiche und Aufforderungen »mit welchen Augen sie ›Ostberlin‹ zu sehen haben« beeinflusst und für den Besuch des demokratischen Sektors im feindlichen Sinne präpariert, um neben gemeiner Verleumdung und Hetze selbst für unsinnige und oft lächerliche Behauptungen fruchtbaren Boden bei den Teilnehmern zu schaffen, vor allem auch bei solchen, die keine realen Vorstellungen über die DDR haben.

So konnten beispielsweise im Verlaufe einer solchen Stadtrundfahrt, die für die Teilnehmer der XVIII. Tagung der »Deutschen Gesellschaft für Urologie«2 mit insgesamt sechs Omnibussen stattfand, u. a. folgende Einzelheiten festgestellt werden:

Bereits in den Westsektoren wurden bei jeder sich bietenden Gelegenheit die »Verdienste der Amerikaner« herausgestellt, im Gegensatz zu »den Russen« (mehrmalige Hinweise auf »Luftbrücke – Blockade«3).

Beim »Sender Freies Berlin«:

»… wurde von den Russen mit Stacheldraht umspickt, schließlich mussten sie aber doch weichen, haben aber vorher alle Leitungen zerschnitten und die Geräte zertrümmert.«

Beim Kraftwerk »Otto Reuter«:4

»… musste gebaut werden, weil die Russen den Strom abschalteten.«

Am Grabmal für den unbekannten Soldaten:5

»… Grabmal für den unbekannten Plünderer«, – darf von der Westpolizei nicht betreten werden, was dazu geführt habe, dass eine verfolgter Dieb dort Schutz gefunden habe und die Polizei machtlos gewesen sei.

Auf der sogenannten »Straße des 17. Juni« erfolgte der ausdrückliche Hinweis:

»… zum Gedenken an den Aufstand des größten Teiles der sogenannten DDR

Weiter wurden in demagogischer Form Hinweise auf die Kontrollmaßnahmen an der Sektorengrenze, auf die Unterbrechung des Fernsprechnetzes »durch die Ostzone« u. a. gegeben. Mehrfach wurde bei einzelnen Bauwerken betont, dass dafür Hitler bzw. den Faschisten Verdienst gebührt.

Im demokratischen Sektor wurde wie folgt kommentiert:

Bei der Fahrt durch das Brandenburger Tor:

»… Ich hoffe, dass Sie Ihren Pass oder Ausweis bei sich haben, denn hier hört das freie Berlin auf und die Gewalt der Kontrolle beginnt, denken Sie an die Kofferkontrollen!«

Am Zentralrat der FDJ:6

»… Hier werden die jungen Menschen bereits in das Ostregime eingegliedert.«

Marx-Engels-Platz:7

»… Statt des Schlosses baute die Ostzonenregierung eine Tribüne, auf der sie sich repräsentieren.«8

Rathaus:

»… Hier wurde 1948 unser Bürgermeister hinausgeworfen und Berlin gespalten.«9

Stalinallee:

»… Hier dürfen nur Partei- und Regierungsfunktionäre wohnen.«

»Sie bekommen einen Schreck, wenn sie die vielen roten Transparente, Bilder von Grotewohl10 oder Ulbricht11 sehen. In den Fluren sind Tafeln angebracht, die bekunden, wieviel Aufbauschichten jeder Mieter für das Regime geleistet hat. Haben sie die wenigsten, sind sie unbeliebt. Wenn Rummel ist, ist alles voller roter Fahnen, Transparente und Lappen wie im Zirkus.

Dort die Ostsporthalle,12 gegenüber der Stalin aus Gips13 – man sagt, Stalin gibt’s auch in Berlin.

Dahinter das Kulturhaus – wo Sie aufgeklärt werden und kostenlos Prospekte erhalten.

Die in der grünen Uniform ist die sogenannte Volkspolizei, sie sehen die Polizisten viel mehr als in anderen Städten, denn sie haben nicht nur den Verkehr zu regeln, sondern auch die Ostregierung zu schützen.

Geschäfte gibt es hier viel, aber wenn Sie für 30 Pfennig Nägel haben wollen, so müssen sie in den Westsektor. Die Geschäfte sind auch immer leer.

Sie werden bemerken, je mehr wir uns von der Stalinallee entfernen, desto trostloser sieht es aus. Sie können sehen, dass trotz Geschäftszeit viele Geschäfte geschlossen sind. Es handelt sich um Privatgeschäfte, die keine Waren bekommen und die Zonenregierung versucht, diese zu übernehmen und wenn’s geht den Eigentümer als Angestellten einzustellen.«

»Der Arbeiter verdient in der Ostzone im Durchschnitt 250 Mark, kann aber zwei Drittel weniger kaufen als der Westberliner Arbeiter. Es kommt auch vor, dass manche sich ein paar anständige Schuhe kaufen wollen und dieses in Westberlin tun. Es kommt aber auch vor, dass die neuen Schuhe an der Grenze abgenommen werden und die Ostbeamten dem Armen die Möglichkeit bieten, mit Holzpantinen nach Hause zu gehen.«

Als »Gegenstück« zu dem in Berlin-Westend gebauten Schulkomplex mit Kindergarten wurde auf eine Baracke mit den Worten hingewiesen: »Und das ist die 22. Grundschule von Ostberlin.«

Ehemalige Reichskanzlei:

»… der Marmor und wertvolle Steine wurden beim Bau eines sowjetischen Ehrenmals geraubt.«

Manchmal werden auch ausgesprochen dumme und primitive Beispiele an den Haaren herbeigezogen, die aber offensichtlich bei den Teilnehmern – dafür gibt es Hinweise – ansprechen.

Zum Beispiel:

»… Hier sehen Sie, dass die Straßen enger werden und in diesen Verhältnissen wohnen die Ostberliner…«

oder

»… diese alte Klapperbüchse ist eine Oststraßenbahn…«

»… Sehen Sie den Verkehr, die Geschäfte, die Menschen – wir sind wieder im Westsektor …«

Solcherart und in der schon vorher beschriebenen Weise wird die gesamte Rundfahrt in hetzerischem und diffamierendem Tone kommentiert, wofür sich noch mehrere Beispiele anführen ließen.

  1. Zum nächsten Dokument Antikommunistische Studentenkonferenz in Kairo
    25. September 1959
    Information Nr. 689/59 Teilnahme arabischer Studenten aus der DDR an einer antikommunistischen Studentenkonferenz in Kairo
  2. Zum vorherigen Dokument Stilllegung des VEB (K) Eisengießerei Nordhausen/Erfurt
    22. September 1959
    Information Nr. 680/59 – [Bericht über] die Stilllegung des VEB (K) Eisengießerei Nordhausen, [Bezirk] Erfurt