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Auskunft über den republikflüchtigen Oberst der NVA, Jäckel, Erich

24. August 1959
Information Nr. 590/59 – Auskunfts-[Bericht über] den republikflüchtigen ehemaligen Oberst der NVA, Jäckel, Erich

Am 17. August 1959 wurde der Vorsitzende des Rates des Kreises Königs Wusterhausen Jäckel, Erich,1 geboren am 10. April 1913 in Dresden, zuletzt wohnhaft gewesen in Zeuthen, [Kreis] Königs Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam, republikflüchtig.

J. fuhr mit seinem Dienstwagen nach Berlin zum Potsdamer Platz, von wo er sich – unter Zurücklassung seiner Dienstpistole, seines Dienstausweises und des Parteidokumentes – nach Westberlin begab.

In einem hinterlassenen Brief an seine Ehefrau, Jäckel, [Vorname 1], geb. [Geburtsname], geb. am [Tag, Monat] 1911 in Dresden, teilte er mit, dass er diesen Schritt getan habe, weil er seiner Funktion als Vorsitzender des Rates des Kreises nicht mehr gerecht werden könnte und völlig abgespannt sei. Wenn er bis 12.00 Uhr nicht zurück sei, solle seine Frau den Dienstwagen am Potsdamer Platz in Berlin abholen lassen. Er hätte dann die Heimat verlassen. Den Brief hinterlegte er in einem Seitenfach seines Wohnzimmerschrankes, wo er von seiner Frau am 17.8.1959 gegen 14.00 Uhr gefunden wurde. Da sie den 2. Sekretär der SED-Kreisleitung nicht erreichen konnte, um ihn zu verständigen, benachrichtigte sie den Kraftfahrer, Genossen [Name 2], der den Dienstwagen in Berlin abholte.

Nach Bekanntwerden der Republikflucht des J. wurde am 17.8.1959 gegen 17.30 Uhr eine Sondersitzung des Büros der SED-Kreisleitung einberufen. Der Leiter der Bezirksverwaltung des MfS in Potsdam, Genosse Oberstleutnant Mittig,2 erhielt gegen 22.00 Uhr Kenntnis von dem Vorfall.

Am 18.8.1959 gegen 9.00 Uhr wurde die Ehefrau des J. von den Genossen Rutschke3 und Grünewald4 vom Rat des Bezirkes Potsdam und Genosse Leutnant Verch5 von der Abt. V der BV Potsdam aufgesucht und aufgefordert, nach Westberlin zu fahren, um ihren Ehemann zurückzuholen bzw. seinen Aufenthalt festzustellen. Die Fahrt nach Westberlin unternahm die Ehefrau des J. nach anfänglichen Einwänden gegen 16.30 Uhr in Begleitung ihrer Tochter [Vorname 2], die darauf hinwies, dass sie bei der Deutschen Grenzpolizei tätig ist. Gen. Rutschke sicherte Klärung des Falles mit dem KP-Chef ihres Kommandos zu. Vor dieser Fahrt wurden die beiden Genossinnen von Gen. Leutnant Verch unterwiesen, der ihnen als Referent Schmidt des Genossen Rutschke vorgestellt wurde. Beide Genossinnen kamen gegen 21.00 Uhr von Westberlin zurück. Ihre Fahrt war ergebnislos. Am 19.8.1959 wurde die Ehefrau des J. nochmals nach Westberlin geschickt. Der Mitarbeiter fuhr sie im Wagen bis zum S-Bahnhof Treptower-Park, wo er sie gegen 17.00 Uhr wieder abholte. In den Lagern Zehlendorf und Marienfelde erhielt die Genossin Jäckel die Auskunft, dass ein Jäckel, Erich dort nicht bekannt sei. Es wurde vereinbart, dass die Genossin Jäckel ab sofort die Westsektoren nicht mehr betritt und den Genossen Rutschke verständigt, sobald ihr der Aufenthalt ihres Mannes bekannt wird.6

Die Untersuchung der Ursachen für die Republikflucht des Jäckel, Erich ergab folgendes Ergebnis: Jäckel hatte ausschließlich Umgang mit leitenden Genossen aus dem Kreis Königs Wusterhausen. [Passage mit schutzwürdigen Informationen nicht wiedergegeben]

Aus seiner früheren Dienstzeit treten in allen Dienststellen seine Trunksucht und sein unmoralischer Lebenswandel als besonderes Charakteristikum hervor. Als Leiter der Bereitschaftspolizei Zittau brachte er 1948/49 faschistische Zeitschriften »Die Woche« mit zur Dienststelle. Diese stammten aus den Jahren 1936/37 und sollten bei einer Ausstellung über Schundliteratur verwendet werden. Dafür verlangte er von der Dienststelle 100 M

Die Entwicklung des Jäckel:

  • 1927 bis 1930 Lehrzeit als Drogist und Besuch der Drogistenfachschule;

  • 1930 bis 1939 bis zur Einberufung zur faschistischen Wehrmacht bei verschiedenen Firmen tätig;

  • ab 1939 im 2. Weltkrieg Kradmelder und zuletzt Feldwebel und Gruppenführer. Nach Kriegsende Mitglied der KPD, Mitarbeit im Antifa-Ausschuss Dresden-Seidnitz und Eintritt in die Schutzpolizei Dresden;

  • Oktober 1948 Besuch der Kreisparteischule, anschließend Leiter der 6. VP-Bereitschaft Sachsen;

  • 1950 Versetzung nach Leipzig als Leiter des 1. Kommandos und später Stellvertreter »A« der Bereitschaft;

  • 1952/53 Lehrgang in der Sowjetunion; anschließend Einsatz als Stellvertreter »A« der Bereitschaft Potsdam;

  • November 1954 Versetzung in die C-Lehrabteilung nach Burg, [Bezirk] Magdeburg;

  • November 1955 Versetzung als Kommandeur der Division Potsdam.

In seiner Tätigkeit und bei Aussprachen versuchte J. sich stets als alten Kommunisten herauszustellen. Einem Offizier gegenüber äußerte er in einer Aussprache »dass Sie zur Schule gehen können, dafür hat mein Vater im KZ gesessen und seine Frau schon als Mädchen am Heiligen Abend vor der Kirche antifaschistische Flugblätter verteilt«. Eine Überprüfung ergab, dass sein Vater von 1938 bis 1945 Mitglied der NSDAP und Blockhelfer war. Während seiner Tätigkeit als Divisionskommandeur waren unter den Offizieren Diskussionen wie »Kommandeur – immer betrunken« stark verbreitet.

15.5.1957 Versetzung des J. zur Reserve des Ministers für Nationale Verteidigung nach Strausberg. Während seiner dortigen Dienstzeit führte er u. a. die Kontrolle der Reservisten-Ausbildung im Juni/Juli 1957 in Prora durch und war Vorsitzender der Prüfungskommission an der Hochschule der NVA in Dresden. Am 30.9.1958 wurde er in die Reserve versetzt.

Im Einzelnen sind Jäckel u. a. von der NVA bekannt:

  • die Struktur der NVA 1957, die sich nicht wesentlich verändert hat;

  • die Struktur, Standortverteilung und technische Ausrüstung der 1. MSD Potsdam;

  • alle leitenden Offiziere der NVA, vor allem die Offiziere der 1. MSD Potsdam sowie deren politische, fachliche und charakterlich-moralische Eigenschaften;

  • Ausbildungsprogramm der 1. MSD Potsdam 1957;

  • Ergebnis des Abschlusses der Hochschule der NVA 1957 sowie der Leistungsstand und die Fähigkeiten der Absolventen;

  • Programm der Reservisten-Ausbildung der NVA 1957.

Ob Jäckel nach seiner Entlassung aus der NVA weiterhin Verbindung zu Offizieren der bewaffneten Kräfte unterhielt, ist nicht bekannt.

Jäckel ist seit dem 4.1.1936 verheiratet und Vater von vier Kindern:

1. Jäckel, [ Vorname 3], geb. am [Tag, Monat] 1936 in Dresden, zzt. Unterleutnantant der NVA bei einer technischen Einheit in Eggesin. Er ist Mitglied der SED. Seit Anfang August 1959 verheiratet.

2. Jäckel, [Vorname 2], geb. am [Tag, Monat] 1938 in Dresden, Mitglied der SED und Zivilangestellte im Parteibüro der HV Deutsche Grenzpolizei in Pätz7/Königs Wusterhausen. Seit Anfang 1959 mit dem Oberleutnant [Name 3] von der DGP verheiratet, der im gleichen Objekt in der Kaderabteilung tätig ist.

3. Jäckel, [Vorname 4], geb. am [Tag, Monat] 1940 in Dresden, seit 1959 Angehöriger der NVA bei einer Einheit der Potsdamer Division.

4. Eine 14-jährige schulpflichtige Tochter, deren nähere Personalien noch nicht ermittelt wurden.

Die 70-jährige Mutter des J. soll in Dresden wohnen.

  1. Zum nächsten Dokument Ergänzung zum Bericht über die Grenzprovokation
    25. August 1959
    Information Nr. 587b/59 – Ergänzung zum Bericht über die Grenzprovokation im Bereich der Kompanie Klettenberg vom 22. August 1959
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    22. August 1959
    Information Nr. 587/59 – [Bericht über] eine Provokation an der Staatsgrenze »West«